Christian Curd Tschinkel


*1973, Leoben; lebt und arbeitet in Wien

Foto: Oliver W. Lepai (2007)

Gaining the body and loosing the mind! Auch ein verlorener Verstand formt das Bewusstsein

Im Lauf vieler Jahre habe ich mich auf den Bereich der musique acousmatique spezialisiert, welcher die Wahrnehmung des mediatisierten Lautsprecherklanges in den Mittelpunkt meiner Arbeiten rückt. Pathetisch gesprochen betrachte ich den Lautsprecher als Spiegel der Seele, der mir aber nicht nur Raum zur transzendental reflektierten Selbstbegegnung bietet, sondern mir regelrecht kosmogonische Aspekte vorführt, wobei ich präzisierend relativieren möchte, dass unter Einflussnahme der digitalen Mediamorphose (vgl. Blaukopf) die Audiosignalbearbeitung gleichermaßen einer Rationalisierung (vgl. Weber) entspricht, welche in jenem psychologischen Sinn „multiplizierte Ordnung“ (de la Motte-Haber) ins „elektroakustische Chaos“ (von Blumröder) bringt, wie etwa die temperierte Stimmung einst das westliche Musikschaffen bis hin zur Zwölftönigkeit systematisiert hat. Jedoch lässt die Arbeit mit dem Tonstudio als Instrument die dem notenschreibenden Komponieren inhärente „Objektivation des Wir“ (vgl. Adorno) weit hinter sich. Im Sinne des originären Ausdruckslautes (vgl. von Hausegger) sowie seiner kulturellen Überformungen, von der gestischen Gestaltung bis zum willkürlichen Setzen von digitalen Codes (vgl. Jauk), ist mit den Maximen der Acousmatique (vgl. Bayle) die Möglichkeit zur allumfassenden (De–) Komposition (vgl. Stockhausen) gegeben, die sich für mich vor allem als eine hybride Form von experimentell generierter Klanggestalt(ung) und dem monumentalen Alltagssound der Popkultur definiert. Dieser liegt mir sehr am Herzen, weswegen meine Kenntnis von akustischen Driving–Effekten und anderen psycho–physiologischen Reaktionsmustern (vgl. Harrer) meine musikalischen Parameter in archetypischer Weise (bzgl. Lautstärke, Richtungshören, Exciter-Phänomene) erheblich beeinflussen. Angesichts dessen sowie im Hinblick auf Erkenntnisse der Auditiven Szenenanalyse (vgl. Bregman) ist Audiokompression eines meiner wichtigsten kompositorischen Werkzeuge, das mir gleichermaßen Monumentalität und ästhetischen Zusammenhang (vgl. (nicht) Webern) in meine Klangbilder bringt. Unter dem Dachterminus ACOUSMONUMENTS hat sich meine theoretische Begriffs– und Kategorienwelt verwirklicht, an der meine Lautsprechermusik systematisch gemessen wird: Schwingung formt primär die physikalische Welt und demnach wird die von einer acousmatique–affinen Werthaltung abgeleitete Prämisse „loosing the body and gaining the mind“ (vgl. oben) in meinem Konzept zugunsten einer bewusst forcierten Körperlichkeit überwunden. Die psycho-physikalische Einheit zwischen „Klangbildhauer“ (Mensch) und Studiotechnik und Lautsprecherorchester (Maschine) gewinnt durch die elektrifizierte sowie digitalisierte Überhöhung musikalischer Parameter an Cyborg-Charakter.

Als Beitrag zu einer akusmatischen Klangkunst im 21. Jahrhundert postuliere ich ein dialektisches dynamisches Gefüge auditiver Welterfahrung, aus dem sich dergestalt ein Bewusstsein für Musik und ihre Wahrnehmung bildet, indem sich (1) körperliches und (2) autonomes Hören einem (3) synästhetischen und (4) programmatischen Hören fluktuierend gegenüberstehen. Dem Konstrukt des „autonomen Klanges" schreibe ich derzeit besondere Bedeutung zu – aber wie gesagt, das fluktuiert.

Offizielle Website

Other_bands_play,_Tschinkel_bells.pdf